Sonntag, 23. Juni 2013

Die Schlacht ums Prestige



Bald ist es wieder so weit, ab dem 29.6. rollt die Tour de France wieder durch das Land von Rotwein und Baguette. Und pünktlich zum Start taucht das Thema Doping wieder in den Medien auf. Das Geständnis von Pedallegende Lance Armstrong ist ja inzwischen schon fast verjährt da versucht sich auch der größte Held der Tretkurbel aus deutscher Sicht, nämlich Jan Ullrich an einer Dopingbeichte und gibt dem Focus ein Interview. Hurra! Und jetzt auf den Scheiterhaufen mit dem Sünder!

Direkt hinter dem Peloton rollt nämlich ein zweites Feld durch die Lande und zwar das der gespielten Empörung! Bis jetzt dachten wir nämlich alle dass man mit harten Training Müsliriegeln und Energydrinks mit 30 Studnekilometern einen Berg rauf fahren kann, wenn man nur fleißig genug trainiert. Denn genau das wollten wir sehen und genau das haben wir gekriegt.

Das beste was ich zu dem Thema jemals gelesen habe ist das Buch von Tyler Hamilton einem ehemaligen Teamgefährten von Lance Armstong und ehemaligen Anwärter auf den Toursieg. Das Bucht heisst „Die Radsportmafia“ und veranschaulicht sehr schön nach welchen Gesetzmäßigkeiten der Radsport funktioniert.

http://cyclingweekly.media.ipcdigital.co.uk/11141/000003e3c/1315/tour-2010-st-6-sunflowers.jpg
Zum Thema passender Internetfund.
Es ist bei Leibe nicht so, dass drei oder vier Fahrer mit den Erzeugnissen der modernen Pharmaindustrie und Medizin ihre Leistung aufbessern und dann überlegen das ganze Feld deklassieren. Vielmehr muss man davon ausgehen dass nahezu das ganze Fahrerfeld mehr oder weniger pharmazeutisch verstärkt ist und diese Jagd nach künstlicher Verstärkung geht bis tief hinein in den Amateurbereich. Die Amateure nehmen es weil es einfach so unglaublich einfach ist und die Profis warum nehmen die es?

Nun, man stelle sich seinen eigenen Arbeitsplatz vor. Sagen wir als Vesicherungsvertreter. Wir sollen pro Monat vielleicht 30 Abschlüsse machen und das schaffen wir auch jeden Monat gerade so. Dann auf einmal kommen da Kollegen von der Konkurrenz die schaffen 40 oder 50 Abschlüsse im Monat. Und plötzlich hat man solche Leute auch in der eigenen Firma. Plötzlich ist man nicht mehr der Held der Verischerungsvertreter sondern nur noch der Mitarbeiter der Gefahr läuft seinen Job an jemanden zu verlieren der eben 45 Abschlüsse schafft.

Das ist so lange eine beschissene Situation bis man rausfindet dass diese Starvertreter jedem ihrer Kunden eine Willkommensprämie versprechen die sie aus ihrer eigenen Provision bezahlen. Dann steht man vor der Wahl, entweder man schmiert seine Vertratgspartner auch, oder man hört auf als Versicherungsvertreter zu arbeiten.

Und ich denke dass es im Profisport ganz genau so zugeht. Der Sponsor zahlt für Leistung und für Siege, nicht fürs hinterher fahren und wer keine Siege bringt bekommt bald kein Geld mehr. Jeden Sponsor ist doch völlig klar dass Siege im Ausdauersport heutzutage nicht mehr mit guter Laune und Training allein möglich sind. Nein, heute braucht es eisernen Willen, beinhartes und gnadenloses Training und das Training muss auf die richtigen Rahmenbedingungen treffen und zu Dopen bedeutet heute, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Ein Beispiel dazu. Training funktioniert so, dass man den Körper einer bestimmten Belastung aussetzt und je öfter man das tut um so mehr passt sich der Körper dieser Belastung an. Irgendwann kommt man aber an den Punkt wo man gar keine größere Belastung mehr finden kann und nur noch den bis dahin hohen Trainingsstand halten kann. Um weiter zu gehen bräuchte man einen noch schwereren Trainingsreiz. 

An der Stelle kommen zum Beispiel Betablocker ins Spiel oder Amphetamine. Betablocker drosseln die Herzfrequenz. Verlangt man sich jetzt dieselbe Leistung ab wie ohne Betablocker hat man genau den erhöhten Trainingsreiz den man braucht um einen Leistungssteigernden Trainingseffekt zu bekommen. Trainieren muss man natürlich trotzdem.

Ist der Körper extremen Leistungsanforderungen ausgesetzt, so schüttet er irgendwann Botenstoffe aus die starke Unlustgefühle hervorrufen. Das ist ein Schutzmechanismus damit wir uns nicht andauernd in einen Herzinfarkt hineinrennen. Wenn diese Unlustgefühle beim Sport auftreten dann zeigt uns an, dass wir uns im roten Bereich bewegen und an unsere Leistungsgrenze stoßen.

Amphetamine nun, schalten diesen „Sicherungsmechanismus aus. Wir können also noch einen Herzschlag pro Minute weiter gehen, noch einige Sekunden länger mit Übersäuerten Muskeln Leistung erbringen. Wurde diese Überleistung erbracht fördern Cortisonpräparate und Wachstumshormone dass sich der Körper diesem übermenschlichen Trainingsreiz schneller anpassen kann und von der Belastung schneller regeneriert. Konnte man früher nur einmal aller zwei Tage auf voller Kraft trainieren, ist es mit Cortison jeden Tag möglich.

Zum Allgemeinwissen gehört heute auch, dass die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), den Stauerstoff in die Muskel transportieren. Je mehr Sauerstoff für die Muskelarbeit zur Verfügung steht um so später übersäuern die Muskeln und man kann sich ohne Krämpfe bewegen. Um die Zahl der Erythrozyten zu erhöhen gehen Sportler zum Bespiel ins Höhentrainingslager. Erythropoetin (Epo) regt die Bildung dieser Blutzellen an und ist letztlich eine Stoff den unsere Nieren auch völlig natürlich produzieren. 

Da man aber inzwischen das Verhältnis von künstlichem und körpereigenem Erythropoetin gut bestimmen kann ist es natürlich viel eleganter sich einfach Blutabnehmen zu lassen mit vielen Erythrozythen. Der Körper bildet die abgenommenen Blutzellen rasch nach, mit Epo noch schneller, und kurz vor dem Wettkampf führt man sich das eingelagerte Blut wieder zu und bekommt nochmal eine extraportion roter Blutkörperchen und damit noch mal eine Schippe Sauerstoff mehr in den Muskel. Das Resultat besteht darin dass man eben noch schneller fahren kann ohne zu übersäuern. So in etwa funktioniert Eigenblutdoping und es ist faktisch kaum nachzuweisen wenn man den Sportler nicht mit der Nadel im Arm erwischt.

Jörg Jaksche, Hamilton, Zabel, Armstrong und Ullrich sagen, wie viele andere überführte und oder geständige Dopingsünder mehr oder weniger offen dasselbe aus: „Alle machen es“. Damit ist die Chancengleichheit letztlich wieder hergestellt und solange im Sport Millionen zu verdienen sind werden die Sponsoren weiter Siege von den Sportlern fordern und die Sportler werden um die geforderte Leistung, nämlich Siege, zu erbringen weiter zu Dopingmitteln greifen und natürlich haben sie dabei so wenig Unrechtsbewusstsein wie jemand der sich gegen einen Mob von Gewehrträgern wehren soll und dafür selbst zum Gewehr greift. 

Leider nur werden die Sportler wenn sie erwischt werden immer wieder als Einzeltäter hingestellt, die aus Ruhmsucht und Trainingsfaulheit gedopt haben. Die die dieses ganze System letztlich fordern, fördern und am Leben erhalten, waschen ihre Hände meist in Unschuld und haben nie davon gewusst wenn ihre ganze Equipe bis unter den Scheitel mit Chemie getuned war.

Und das ist in meinen Augen der wahre Betrug! Formalgesehen müsste man sagen dass, Doping im Leistungssport generell freizugeben wäre. Dann könnten auch keine windigen Medizinmänner in Hotellzimmern ihre krummen Geschäfte machen sondern man könnte die Sportler sicher und sauber in spezialisierten Zentren behandeln. Doch wollen wir unsere Kinder, den Sportnachwuchs von Morgen wirklich zu hochgetunten Biomaschinen machen lassen?

Einen sauberen Radsport wird es erst wieder geben wenn die Sponsoren sich aus dem Geschäft zurück ziehen und mit Radsport keine Werbung mehr zu machen ist. Aber die großen Firmen und Multinationalen Konzerne wollen ja den Glamour. Man will doch die Helden die unmenschliches vollbringen und darum wird man den Sportlern auch weiterhin alles zur Verfügung stellen was sie für den Sieg brauchen und wird der Sportler erwischt….dann hat niemand von irgendwas gewusst!

Mir gefällt der Jan Ullrich gut, der sich jetzt um den Breitensport kümmert. Der an Jedermannrennen teilnimmt und für Geld Fahrradtouren anbietet. Keine Sponsoren, kein strahlender Sieger. Nur einfach ein paar Leute die gemeinsam einen Berg hoch fahren und sich am Ende darüber freuen was sie geschafft haben. Der Straßenradsport ist nämlich im Grunde ein sehr komplexer, eleganter und schöner Sport, der eigene schöne, spannende und spektakuläre Geschichten schreibt mit Kämpfen auf vielen Ebenen. 

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